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Am Ende dieser Seite finden Sie einen kurzen Text, welcher 1989 von
Dr. Franz Oedekoven, einem Familiemitglied der 3. Generation, verfasst wurde.
Franz Oedekoven
und Enkelkinder, Stolberg - Münsterbusch, 1911 |
Josef Oedekoven
und Kinder Stolberg - Münsterbusch, 1914 |
Kindheitserinnerungen
an Münsterbusch
von Dr. Franz Oedekoven
Aus
der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
klingt ein Lied mir immerdar
Ach wie ist 's so weit,
was einst mein war. |
Von Köln aus, wo ich bis zu meinem 6. Lebensjahr wohnte, später
von Oberhausen im Ruhrgebiet brachte mein Vater mich und meinen Bruder
Hans in den Sommerferien zu den Großeltern nach Münsterbusch
bei Stolberg (Rheinland). Der Aufenthalt dort war für uns Stadtkinder
ein Leben im Paradies. Aus der Steinwüste der rheinischen Metropole
mit dem hoch aufragenden Dom, aus der Industriestadt an der Emscher
mit den Kohlezechen, den Hochöfen, den lärmenden Stahl-
und Walzwerken, wo nachts der Himmel gerötet war vom Widerschein
glühenden Eisens und das dumpfe Wummern der Maschinen der Nacht
die Stille nicht gönnte in die friedliche Idylle einer Landschaft,
in der mit Heidekraut geschmückte, weitgedehnte Wiesen die Ufer
eines in der Sonne glitzernden, leise plätschernden Bachlaufs
säumten. Im Wiesengrund aufragend, rostbedeckt das Schaufelrad
einer stillgelegten Wassermühle inmitten alten Gemäuers.
Den Horizont begrenzten die waldbedeckten Höhenzüge der
Eifelausläufer. Hier also, im Stolberger Ortsteil Münsterbusch
wohnten die Großeltern, die Eltern meines Vaters. Aus der im
Parterre gelegenen Wohnung, in die meine Erinnerung am weitesten zurückreicht,
sah man auf Eisenbahngeleise und nachts vor dem Einschlafen hörte
ich das klagende Pfeifen vorüberfahrender Lokomotiven. Damals
war der Großvater, dessen ältestes Enkel- und Patenkind
ich war, noch im Eisenbahndienst beschäftigt. Anders als ich
hatte der Großvater im Alter noch dichtes weißes Haar.
Er freute sich immer sehr, wenn ich in den Sommerferien zu Besuch
kam. Zur Begrüßung drückte er mich an sich, küßte
mich und nannte mich "lieb Franzemännchen", nicht minder
herzlich war die Großmutter, die mich die ersten Gebete lehrte
und vor allem eindrucksvoll Märchen zu erzählen verstand.
Später zogen die Großeltern in die Amaliastraße.
Im Erdgeschoß wohnte die Wohnungseigentümerin, die Familie
Malangré. Im Stockwerk daüber wohnten die Großeltern.
Ich muß noch etwas aus der Vergangenheit des Großvaters
berichten: Nach dem Wunsch eines priesterlichen Onkels sollte er Geistlicher
werden. Dieser Onkel finanzierte auch das Studium in Bonn, wo der
junge Studiosus Mitglied der Burschenschaft "Frankonia"wurde,
aber statt Theologie Philologie studierte. Als der Onkel das merkte,
war es mit der Studiumsfinanzierung vorbei und das Studium mußte
abgebrochen werden. Schließlich landete der Großvater
im Eisenbahndienst. In den ersten Jahren meiner Ferienbesuche bei
den Großeltern traf ich in Ihrem Haushalt ihre damals noch unverheirateten
Söhne Josef und Max an, die sich auch um mich kümmerten.
Mein Onkel Josef fertigte regelmäßig einen Papierdrachen
an, einen "Pattevogel" - wie er ihn nannte - den ich dann
steigen ließ, manchmal so hoch, daß man ihn am Himmel
kaum noch sehen konnte.
Mittags holte ich den Großvater von seiner Dienststelle ab.
Wenn ich ihn nachmittags abholte, dann kehrte er mit mir schon einmal
auf dem Nachhauseweg bei "Hamacher" ein, wo er ein gemischtes
Bier trank, von dem er mir stets zu kosten gab. Auf dem Weg zu Großvater's
Dienststelle kam ich am Wahrzeichen von Münsterbusch , am großen
Kamin vorbei, der die giftigen Dämpfe der Zinkhütte in der
Höhe wegführte, so daß sie keinen Schaden anrichten
konnten. Vom Fenster ihrer Küche konnte die Großmutter
weithin über die Wiesen sehen, auf denen ich mit meinem jüngeren
Bruder Hans und den Malangre's Jungen "Räuber und Gendarm"
oder "Verstecken" spielte. Manchmal lagen wir auch nur zwischen
Heidekraut und Löwenmaul platt auf der Wiese, sahen die Heuschrecken
springen und hörten die Bienen summen. Ein Schreckgespenst für
uns war der Bauer Kau, der schimpfend und einen Knüppel schwingend
uns nachlief, weil wir ihm das Gras niedertraten, was ihm das Mähen
erschwerte. Dann liefen wir so schnell wir konnten nach Hause und
suchten Schutz bei der Großmutter. Der böse Mann hat uns
nie eingeholt. Erst viele Jahre später hatten wir für seinen
Unmut Verständnis. Schließlich hatte Onkel Josef geheiratet
und hatte einen Hausstand im benachbarten Büsbach gegründet.
Er wohnte in einem Haus am Abhang, der sich zu den Wiesen senkte,
auf denen wir in den Ferien spielten. Wir konnten es aus den rückwärtigen
Fenstern der großeleterlichen Wohnung sehen. Als wir wieder
einmal zu Ferien in Münsterbusch weilten forderte uns die Großmutter
auf, in Büsbach Onkel Josef und Tante Gunda - seine Frau - zu
besuchen, um deren erstgeborenes Kind - Helmi - zu besichtigen, was
dann auch geschah. Später zog Onkel Josef wieder nach Münsterbusch
zurück in einen Neubau, der neben dem Haus , in dem die Großeltern
wohnten, entstanden war. Eigentümer war Herr Malangré,
der im Hochparterre wohnte. Hinter diesen beiden Häusern erstreckten
sich Gärten, in denen es Obstbäume und Stachelbeersträucher
gab, von denen wir of genug naschten. Im Schlafzimmer der Großeltern
war unter Glas und Rahmen ein silberner Kranz, der an die Silberhochzeit
der Großeltern erinnerte. Auf der Kommode stand eine Weckeruhr,
deren Ticken mich in den Schlaf begleitete.
Der Großvater hatte ein humanistisches Gymnasium besucht. Da
er wußte, daß ich auch Latein gelernt hatte, freute es
ihn, Zitate aus Ovid und Horaz vorzutragen. So erzählte er mir
einmal von einem Pastor, mit dem zusammen er eingeladen gewesen sei.
Die hübsche Hausfrau habe den geistlichen Herrn gefragt, ob er
Tee oder Kaffee zu trinken wünsche. Dieser habe ihr auf lateinisch
geantwortet:
Te quidem vellem Sed quia sacerdos sum -
cave.
auf deutsch:
Dich möchte ich wohl, aber da ich Priester
bin, hüte ich mich!
Zur Feier meiner ersten heiligen Kommunion - 1910 -am Sonntag "Laetare"
erschienen auch als hochwillkommene Gäste die Großeltern.
Sie schenkten mir meine erste Uhr und ein lateinisch-deutsches Gegetbuch.
Innen war die Widmung: "Zur Erinnerung meinem ältesten Enkel-
und Patenkind".
Im Jahre darauf, im August, starb die Großmutter, die 8 Kinder
großgezogen hatte. Mit unserem Vater nahmen mein Bruder Hans
und ich - wir weilten gerade in Herbstferien im benachbarten Aachen
- an der Beerdigung in Münsterbusch teil. Ich erinnere mich:
damals gab es dort keine Friedhofskapelle und so stand der schon geschlossene
Sarg im sog. "guten" Zimmer. Am Fußende saß
der tiefbetrübte Großvater, dem wir unsere Teilnahme aussprachen.
Dann ging es zum nahegelegen Friedhof. Tante Sannchen, die einzige
Tochter der Großeltern war ganz verzweifelt, als der Sarg in
die Tiefe gesenkt wurde. Später gab es ein gemeinsames Mittagessen
bei Hamacher. Von den sieben Söhnen des Großvaters war
mein Onkel Josef der einzige, der in Stolberg geblieben war. Er war
es, der den Großvater in seinen Haushalt aufnahm. Bei ihm verbrachte
er seinen Lebensabend. 1916 - also während des Krieges - starb
er 78 Jahre alt. Die Großeltern, von denen ich soviel Zuwendung
und Liebe erfahren hatte, waren nun nicht mehr. Nur in großen
Zeitabständen sollte ich später Münsterbusch wiedersehen.
Ein Idyll war dahin!
Wenn auch die Jahre enteilen,
Bleibt die Erinnerung doch!
Altenkirchen, im April 1989 |
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